4. Feministische Postkoloniale Theorie: Gender und (De-)Kolonisierungsprozesse
Feministische Postkoloniale Theorie:
Gender und (De-)Kolonisierungsprozesse
Europa provinzialisieren? Ja, bitte! Aber wie?
Von María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan
Anfang des 20. Jahrhunderts regierte Europa über ca. 85% des globalen Territoriums in Form von Kolonien, Protektoraten und Dependancen. Die koloniale Expansion war ein exorbitanter und gewalttätiger Prozess, der durch Ausbeutung, Versklavung und Diebstahl charakterisiert war. Es stellt sich deswegen die Frage, warum sich innerhalb der westlichen wissenschaftlichen Disziplinen lange Zeit nur eine kleine Minderheit diesem Ereignis analytisch angenommen hat. Keine große intellektuelle Anstrengung ist vonnöten, um zu verstehen, dass eine solch massive territoriale Expansion, die zum Teil über Jahrhunderte gewaltvoll erhalten wurde, erstens nicht nur durch militärische Präsenz möglich war, zweitens nicht mit der bloßen formalen Unabhängigkeit der kolonisierten Staaten zu einem Ende kommen konnte und schließlich kaum nur Spuren in den kolonisierten Ländern hinterlassen haben kann, sondern auch den globalen Norden prägte. Postkoloniale Studien nähern sich dieser Komplexität und irritieren dabei die Vorstellung einer zwangsläufigen, geradezu naturwüchsigen, kolonialen Beherrschung durch Europa. Sie werfen einen Blick auf die Mannigfaltigkeit kolonialer Interventionen und deren Wirkmächtigkeit bis in die heutigen Tage (etwa Randeria/Eckert 2009).
Zuweilen wird postkoloniale Theorie als ein Versuch beschrieben, eine kritische interdisziplinäre Perspektive zu etablieren. Dagegen scheint es uns eher darum zu gehen, die Disziplinen und damit einhergehende Disziplinierungen herauszufordern. Wir bezeichnen postkoloniale Theorie deswegen als eine anti-disziplinäre Intervention, die versucht herauszuarbeiten, welche Rolle die wissenschaftlichen Disziplinen im Rahmen kolonialer Herrschaftssysteme gespielt haben und wie diese (neo-)koloniale Episteme und materielle Beziehungen reproduzier(t)en, die die „Anderen“ in der Position der „Anderen“ zu fixieren suchen.
(Post-)Koloniale Dissonanzen
Obschon selbst KritikerInnen die Entwicklung, die postkoloniale Theorie genommen hat, weitestgehend positiv beurteilen, scheint es unmöglich, eine allgemeingültige Definition derselben zu geben. Der Begriff „postkolonial“ ist ein fuzzy concept – er entzieht sich einer exakten Markierung, bleibt ungriffig. Am ehesten kann postkoloniale Theorie als eine Perspektive verstanden werden, die sich der Rekonstruktion des europäischen Imperialismus und Kolonialismus verschrieben hat und gleichzeitig die Kämpfe gegen diese spezifische Herrschaftsformation analysiert, ohne dabei etwa eine kohärente theoretische Schule zu repräsentieren. Vielmehr handelt es sich um ein Feld, das von Debatten geprägt bleibt und auch schon deswegen nicht uniform erscheint.





