Herausgegeben von JungdemokratInnen/Junge Linke
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Artikel

  • Vorwort

  • Musik zum Tanzen
  • 1. Vorneweg: Eine europäische Wurzelbehandlung

  • 0. Einleitung
  • 1. The state that I am in.
  • 2. Mit radikaler Demokratietheorie Kritik und Utopie formulieren
  • 3. Gegen das „Europa des Kapitals“ oder „nach den Sternen greifen“?
  • 4. Feministische Postkoloniale Theorie: Gender und (De-)Kolonisierungsprozesse
  • 2. Europa in Beziehungen

  • 0. Einleitung
  • 1. Lobbydschungel Brüssel
  • 2. Über die Unbestimmbarkeit des Raumes
  • 3. Der militärische Knüppel aus Brüssel
  • 4. Die zwei Gesichter des europäischen Umweltbewusstseins am Beispiel der Klima- und Energiepolitik
  • 3. Kämpfe um Arbeit und Bildung in der EU

  • 0. Einleitung
  • 1. Europäische Berufsbildungspolitik zwischen Lissabon, Brügge und Kopenhagen
  • 2. Zur Bedeutung des Bologna-Prozesses für die Reform des deutschen Hochschulsystems
  • 3. Die Geschlechterpolitik der EU
  • 4. Viking, Laval und Rüffert
  • 5. Diskriminieren mit und ohne EU
  • 4. no nation – no border?

  • 0. Einleitung
  • 1. NoBorder: Zur (Un)Möglichkeit transnationaler Solidarität
  • 2. Ein Europa der Grenzen
  • 5. big brothers evil mother

  • 0. Einleitung
  • 1. Das Stockholmer Programm
  • 2. Mobile Daten - begrenzte Kontrolle
  • Die Autor_innen

4. Die zwei Gesichter des europäischen Umweltbewusstseins am Beispiel der Klima- und Energiepolitik

Die zwei Gesichter des europäischen Umweltbewusstseins am Beispiel der Klima- und Energiepolitik

von André Kremer

Innerhalb weniger Jahre ist Klimapolitik zu einem dominierenden Thema der politischen und öffentlichen Diskussionen geworden. Ehemals ein kaum beachtetes Anliegen grüner WeltverbessererInnen aus der politischen und zivilgesellschaftlichen Peripherie, lassen sich mittlerweile klimapolitische Positionen und Forderungen sowohl in den Programmen von Parteien jedweder Couleur, als auch auf den verschiedenen nationalen und transnationalen politischen Entscheidungsebenen innerhalb der Europäischen Union wiederfinden. Zwar gestalten sich die konkreten Ziele und die Wege, um diese Ziele zu erreichen, je nach politischem Lager durchaus unterschiedlich.
Unterm Strich scheint jedoch die gesamte politische Klasse auf aktuelle Befragungen, dass umweltbewusste Politik bei der Wählerin ziemlich gut ankommt, mit entsprechend grün angestrichener Eigenwerbung zu reagieren. Der selben Rhetorik bedient sich auch die Europäische Union nach Innen und nach Außen. Beim genaueren Hinsehen zeigt sich jedoch, dass die betriebene Politik sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene ganz anders aussieht und manchmal sogar gegenteilige Ergebnisse produziert werden. Die Erklärungen, die PolitikerInnen dafür anbringen, schwanken zwischen dem Vorrang wirtschaftspolitische Vernunfthandelns und die Entscheidungen als Erfolg im Angesicht der gering ausgeprägten Kompromissbereitschaft des politischen Gegners zu verkaufen.
Diese zwei Gesichter der Europäischen Umwelt- und Klimapolitik nimmt der folgende Artikel etwas genauer unter die Lupe und zeigt an realpolitischen Prozesse, dass entgegen den Beteuerungen politischer Akteure, sich für eine verantwortungsvolle Klimapolitik einzusetzen, Klimapolitik als solches gar nicht existiert. Was auch immer im Bereich der Klimapolitik unternommen wird, ist in erster Linie – auch innerhalb der EU – eine Politik der nationalen wirtschaftlichen Interessen. Zur Debatte stehende Klimapolitiken werden dabei ausschließlich nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen bewertet, der Nutzen für Umwelt und Klima wird regelmäßig auf den Status eines wünschenswerten, aber letztlich verzichtbaren Synergieeffektes reduziert.

Der Jahrhundertgipfel

Die mediale Aufmerksamkeit war außerordentlich, als sich Ende 2009 die nationalen Staats- und Regierungschefs der Vereinten Nationen in Kopenhagen versammelten, um über die Zukunft des Weltklimas zu verhandeln: Im Vorfeld tagte das Regierungskabinett der vom Meeresspiegelanstieg bedrohten Malediven öffentlichkeitswirksam unter Wasser; nichtstaatliche Organisationen riefen ein dickes „ACT NOW!“ hinaus die Welt. Tausende von AktivistInnen rüttelten – dem restriktiven, extra erlassenen Demonstrationsgesetzes in Dänemark (Lümmelpaket) zum Trotz – an den Absperrungen des Konferenzgeländes und veranstalteten unweit den Gegenklimagipfel.

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Glossar
autonom/Autonomie
Selbstbestimmt oder auch selbstverwaltet. Autonomie wird als die Möglichkeit des Menschen bestimmt, sich durch sich selbst in seiner Eigenschaft als Vernunftwesen zu bestimmen.
Differenz
Unterscheidung bzw. Unterschied
Direkte Demokratie
Verfahren als auch ein politisches System, in dem die stimmberechtigte Bevölkerung unmittelbar über politische Sachfragen abstimmt.
Diskurs
(Institutionalisierte) Gesellschaftliche Auseinandersetzung über die Bedeutung von Begriffen und Ereignissen, die das Handeln der Menschen beeinflussen.
(Sicherer) Drittstaat
Staaten, die nicht Vertragspartei oder Mitgliedstaat irgendeines gegenseitigen Abkommens mindestens zweier (anderer) Staaten oder staatsähnlicher Gebilde wie der Europäischen Union sind. Die EU unterscheidet zwischen positiven und negativen Drittstaaten, wodurch die Angehören dieser Staaten entweder visafrei einreisen können oder letztere nur nach vorher beantragter und erteilter Genehmigung in den Schengen-Raum dürfen. Mit „Sicherer Drittstaat“ werden in Deutschland all jene Staaten auf der Welt bezeichnet, die die Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge und der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten gewährleisten. Menschen, die aus oder durch diese Staaten einreisen,können i.d.R.in Deutschland keinAsyl beantragen und werden in den Drittstaat oder ihr Herkunftsland zurück abgeschoben. Deutschland und die EU sind quasi umgeben von solchen Staaten.
Egalitarismus
Ethische, politische, ökonomische oder sozialpolitische Position, die durch Herstellung von Gleichheit die Widersprüche einer Gesellschaft aufzulösen versucht. Innerhalb des Egalitarismus gibt es unterschiedliche Strategien, dies zu erreichen: a) durch Gleichheit des persönlichen Besitzes, b) durch Gleichheit der Chancen für jedes Individuum in der Gesellschaft und c) durch die Aufhebung des Eigentums an Produktionsmitteln und die Verteilung der Güter nach dem Prinzip, die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Menschen zu berücksichtigen.
Europäische Kommission
Supranationales Organ der Europäischen Union, das exekutiv Aufgaben wahrnimmt. Die Kommission besitzt das alleinige Initiativrecht für die EU-Rechtsetzung, überwacht die Einhaltung des Europarechts durch die EU-Mitgliedstaaten und kann gegebenenfalls Klage beim Europäischen Gerichtshof erheben. Jede Regierung eines Mitgliedstaates nominiert ein Mitglied der Kommission, den_die EU-Kommissar_in, mit jeweiligem politischen Sachgebiet. Die so gebildete gesamte Kommission muss vom Europäischen Parlament bestätigt werden, bevor sie vom Europäischen Rat ernannt wird.
Europäischer Rat
Gremium der Staats- und Regierungschefs der EU, die sich mindestens zweimal pro Halbjahr treffen, dem sog. EU-Gipfel. Der Europäische Rat ist nicht direkt an der alltäglichen Rechtsetzung der EU beteiligt, sondern dient als übergeordnete Institution dazu, die Kompromisse zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten zu finden.
eurozentristisch/Eurozentrismus
Beurteilung inner- und außereuropäischer Ereignisse unter dem Maßstab der in Europa wirkmächtigen Werte und Normen, die als zivilisiert dargestellt werden. Europa wird häufig verdeckt zum alleinige Zentrum des Denkens und Handelns erhoben, andere Perspektiven werden (z.T. gewaltvoll) herabgewürdigt.
Formaldemokratisch
Festgeschriebene (in Gesetzen und/oder Verfassung) Verfahrensregeln, die eine demokratische Beteiligung ermöglichen sollen. Formaldemokratische Ansätze legen in ihrem Demokratieverständnis einen Schwerpunkt auf das Einhalten von solchen Verfahrensrechten als Voraussetzung für demokratische Ergebnisse. Nicht der „richtige“ Inhalt macht das Ergebnis demokratisch, sondern die gleiche Einflussmöglichkeit aller auf den Inhalt des Ergebnisses.
Grenzregime
Gesamtheit aller institutionellen, administrativen, legislativen und technischen Maßnahmen und Einrichtungen der Grenzsicherung und -kontrolle und auch der Gesetze zur Verhaltensregulierung von Migrant_innen innerhalb eines Staates.
Hierarchisierung
Einteilung oder Einordnung von Menschen (oder Objekten) in eine Rangfolge, die diese bewertet. Oftmals erfolgt diese Einteilung entlang von Kategorien (z.B. Geschlecht oder „Rasse“) mit entgegengesetzten Polen (z.B. Mann – Frau oder Weiß – Nicht-Weiß/ Farbig), mit denen bereits eine Privilegierung der einen Seite bzw. eine Unterordnung der „anderen“ Seite verbunden ist.
heteronormativ/Heteronormativität
Setzt die Heterosexualität als generelle soziale Norm, dabei wird unhinterfragt von einem ausschließlich binärem (zweiteiligem) Geschlechtssystem ausgegangen, in welchem das biologische Geschlecht mit Geschlechtsidentität, Geschlechtsrolle und sexueller Orientierung für jeden gleichgesetzt wird.
Intergouvernemental
Regierungszusammenarbeit zwischen Staaten innerhalb internationaler Organisationen. Sie bedarf, im Unterschied zur supranationalen Integration, der Einstimmigkeit unter den teilnehmenden Ländern. Institutionelles Beispiel in der EU sind Entscheidungen des Rates (->) zur Außen- und Sicherheitsfrage.
International
Beziehung zwischen Staaten (und deren Institutionen), etwa durch Abkommen und andere Formen, die über die Staatsgrenzen hinaus Geltung haben.
Multilateral
Kooperatives, prinzipiell gleichberechtigtes gemeinsames Handeln mehrerer Staaten, das häufig in Verträgen mündet, beispielsweise Handels- und Umweltabkommen (WTO, Kyoto-Protokoll), oder der Staatenverbände der EU und der Vereinten Nationen.
multiskalar
Mit dem Attribut „multi-skalar“ wird das Vorhandensein einer hierarchischen Ordnung gleicher Elemente auf verschiedenen Maßstabsebenen bezeichnet. Dieses Ordnungsprinzip gehorcht einer fraktalen Logik, die auf einer Kaskade ähnlicher Elemente auf verschiedenen Maßstabsebenen, d. h. verschiedenen Ebenen von Detailgenauigkeit basiert.“
Normativ/Normativität
Bewertungen, die vorgeben wie etwas sein soll, was erstrebenswert ist. Damit verbunden sind häufig moralische Urteile, ob etwas gut oder böse ist oder welche Handlungen geboten sind.
paternalistisch/Paternalismus
Autoritäre oder gegen den Willen einer Person gerichtete Handlungen, die aber vermeintlich auf deren Wohl ausgerichtet sind.
Rat der Europäischen Union/Ministerrat/EU-Ministerrat/Rat
Organ der Europäischen Union, das zusammen mit dem Europäischen Parlament die Rechtsetzung der Europäischen Union ausübt. Der Rat ist ein einheitliches Organ, tagt jedoch gebunden an die jeweilig zu behandelnden Themen und Politikfelder in unterschiedlicher Zusammensetzung, d.h. der_die jeweilige Minister_in eines Mitgliedstaates nimmt an der Sitzung teil und ist befugt, für seine_ihre jeweilige Regierung verbindlich zu handeln und abzustimmen. Daneben dient der Rat zur Abstimmung und Koordinierung der Regierungen in den Politikbereichen, die konsensuell (intergouvernemental) beschlossen werden müssen im Europäischen Rat.
Rätedemokratie
Politisches System, in dem die Herrschaft von der Bevölkerung über direkt gewählte Räte ausgeübt wird. Die Wähler sind in Basiseinheiten organisiert, beispielsweise die Arbeiter eines Betriebs oder die Bewohner eines Bezirks. Sie entsenden direkt die Räte als öffentliche Funktionsträger, welche Gesetzgeber, Regierung und Gerichte in einem bilden. Sie sind der Basis direkt verpflichtet, an ihre Weisungen gebunden und jederzeit abrufbar.
Subalterne
Menschen, die sozial, politisch und geographisch in unterschiedlicher Weise durch hegemoniale („vorherrschende“) Machtstrukturen, an denen sie nicht beteiligt sind, marginalisiert und ausgegrenzt werden. Der Begriff geht auf den italienischen Philosophen Antonio Gramsci zurück und wird aktuell von diversen postkolonialen Theoretiker_innen aufgegriffen, um die Position von ausgegrenzten Menschen aus und im globalen Süden (v.a. von Frauen) zu beschreiben.
Subjektivierung
Historisch und gesellschaftlich geprägte Vorstellung von Individuen, ihrer Verhaltens- und Denkweisen sowie Bedürfnissen. Die Verwendung des Begriffs „Subjekt“ und „Subjektivierung“ wendet sich gegen Vorstellungen, dass Menschen von Natur aus so und so sind. Subjektivierung betont, dass Menschen als Personen erst durch die Gesellschaft und durch soziales Miteinander-leben so und so werden. Es lenkt den Blick darauf, dass nicht Hormone, Gene oder natürliche Triebe „uns“ ausmachen, sondern „wir“ Ergebnis gesellschaftlicher Machtverhältnisse sind.
Supranational
Überstaatlich; Verlagerung rechtlicher Zuständigkeiten mehrerer Staaten von der eigenen nationalstaatlichen Ebene auf eine höher stehende gemeinsame Institution. Beispiel sind die Organe der EU, die nach Mehrheitsprinzip Entscheidungen treffen.
Transnational
Beziehungen zwischen Menschen und/oder Akteur_innen aus verschiedenen Staaten, etwa kulturelle, wirtschaftliche oder politische. Nicht jedoch die Beziehungen zwischen verschiedenen Staaten (und deren Institutionen), das wäre international (->).
Volk
Eine spezifische Menge von Menschen, denen unterschiedliche Gemeinsamkeiten zugeschrieben werden. Im politischen Sinne wird von Staatsvolk (demos) gesprochen und bezieht sich unbeachtet kultureller und ethnischer Zuordnungen auf die Staatsangehörigen eines Völkerrechtssubjekts (Staat).

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