1. NoBorder: Zur (Un)Möglichkeit transnationaler Solidarität
NoBorder: Zur (Un)Möglichkeit transnationaler Solidarität
Eine Betrachtung aus postkolonialer Perspektive
Von Anna Krämer und David Schommer
Im Zentrum europäischer Debatten um Migrationspolitik stehen die Möglichkeiten der Nationalstaaten, Einwanderungsbewegungen zu steuern und zu kontrollieren. Medial werden daraus außenpolitische Sicherheitsrisiken und gesellschaftliche Bedrohungsszenarien abgeleitet. In diesem Diskurs ((->)werden Migrant_innen zu Objekten, die von den souveränen Staaten zu steuern seien. Lange Zeit war die einzige kritische linke Antwort auf diesen Diskurs der Kampf gegen die ‚Festung Europa’, mit dem Ziel, die von der Grenze aufgehaltenen und illegalisierten zu unterstützen. Mit dem Konzept der ‚Autonomie (->) der Migration’ ist in den letzten Jahren aus migrationstheoretischer und antirassistischer Perspektive ein weiterer Entwurf in die Debatte eingebracht worden (vgl. etwa Transit Migration Forschungsgruppe 2007). Dieser Ansatz stellt Migrant_innen und ihr grenzüberschreitendes Handeln in den Mittelpunkt. In beiden Fällen ergreifen jedoch vorwiegend europäische Aktivist_innen und Wissenschaftler_innen das Wort an Stelle der Migrant_innen und die ‚autonome’ Migrant_in bleibt stumm. Die bestehenden migrantischen Organisationen und ihr widerständiges Handeln drohen oftmals hinter der gut gemeinten aber unreflektierten Solidarität zu verschwinden.
Für viele europäische Aktivist_innen, die gegen das repressive europäische Grenzregime1 (->) kämpfen und sich für die Bewegungsfreiheit derer einsetzen, die an den Grenzen der ‚Festung Europa’ illegalisiert werden, entsteht ein Dilemma. Mit jedem Versuch für Migrant_innen einzutreten, werden die unüberwindbaren kolonial-rassistischen Hierarchien (->) deutlich, die sich eben darin ausdrücken, dass die Mehrheit der Aktivist_innen Grenzen problemlos überschreiten können, die Freiheit haben sich den Problemen der Migration zuzuwenden oder auch nicht, sich herausnehmen können zu entscheiden wie Migration einzuschätzen ist und welche Bedürfnisse die Migrant_innen haben etc. Es stellen sich demnach folgende Fragen: Wie kann ich als europäische Aktivist_in solidarisch mit Migrant_innen gegen die repressive Politik des EU-Grenzregimes kämpfen, ohne mich zur selbst ernannten Sprecher_in von Migrant_innen zu machen? Wie kann ich verhindern, dass diejenigen, für die ich kämpfe, durch mein Handeln erneut keine Möglichkeit erhalten für sich selbst zu sprechen und so als passive und hilflose Opfer erscheinen? Kurz: Wie ist solidarisches Handeln jenseits von paternalistischer (->) Bevormundung möglich?





