1. Lobbydschungel Brüssel
Lobbydschungel Brüssel
Einblicke in den politisch-industriellen Komplex der EU
von Pia Eberhardt
Schon mal was von Economic Governance gehört? Oder europäischer Wirtschaftsregierung? Im Windschatten der Finanzkrise bläst die EU seit 2010 unter diesem Stichwort zum europaweiten Angriff auf die Überbleibsel des europäischen Sozialstaats. Die EU-Kommission wird den Mitgliedsstaaten künftig verordnen, Löhne und öffentliche Ausgaben zu senken, Steuersysteme zulasten unterer Schichten umzukrempeln und Menschen länger arbeiten zu lassen. Und sie wird auf scharfe Sanktionsmechanismen zurückgreifen können, wenn die EU-Mitglieder das nicht umsetzen. Eine “stille Revolution” hat EU-Kommissionspräsident, José Manuel Barroso, die Pläne treffend genannt.
Denn still ist es um die Pläne tatsächlich. Weder in den Medien, in nationalen Parlamenten, noch in aktivistischen Kreisen gab es eine nennenswerte Debatte um den jüngsten neoliberalen Staatsstreich aus Brüssel. Und die Stille ist keine Ausnahme. Obwohl ein Großteil der Gesetze, die in Europa erlassen werden, auf die EU zurück gehen, obwohl die EU die Lebensverhältnisse und Alltagskämpfe der Menschen in Europa tagtäglich prägt und neu gestaltet, spielt Europa als politisches Handlungsfeld in emanzipatorischen Zusammenhängen bisher kaum eine Rolle.
Ganz anders sieht es auf der ‘Gegenseite’ aus. Die kapitalistische Klasse hat das Projekt EU von Anfang an aktiv mitgestaltet. Tausende LobbyistInnen vertreten ihre Interessen im Brüsseler Alltagsgeschäft. Ökonomische Eliten-Netzwerke erarbeiten langfristige Visionen für die EU und Strategien zu ihrer Umsetzung. Dabei treffen sie auf europäische Staatsapparate, die ihnen einen privilegierten Zugang ins politische System eröffnen.





